Warum der schönste Duft für ein Hotel der falsche sein kann
Bei der Auswahl eines Hotelduftes passiert etwas ganz Natürliches: Man riecht verschiedene Duftmuster und irgendwann kommt der Satz: „Der gefällt mir am besten.“ Das ist ein guter Anfang. Für ein professionelles Duftkonzept ist aber eine andere Frage entscheidend: Passt dieser Duft auch zum Hotel?
Wir nehmen einen Duft niemals völlig isoliert wahr. Während wir riechen, sehen wir gleichzeitig die Architektur, Materialien und Farben eines Raumes, hören seine Geräusche und bringen bestimmte Erwartungen mit. In einem alpinen Naturhotel erwarten wir unbewusst etwas anderes als in einem urbanen Boutiquehotel oder einem historischen Grandhotel. In der multisensorischen Wahrnehmung spricht man in diesem Zusammenhang von Kongruenz. Vereinfacht bedeutet das, dass unterschiedliche Sinneseindrücke besonders stimmig wirken können, wenn sie zueinander und zu unseren Erwartungen passen.
Genau deshalb kann eine Duftkomposition für sich betrachtet wunderschön und hochwertig sein und in einem bestimmten Hotel trotzdem nicht richtig funktionieren. Ein warmer, schwerer Duft mit Hölzern, Amber und orientalischen Noten kann in einem kleinen, hellen Haus mit unbehandeltem Holz, Leinen und einer sehr natürlichen Markenwelt wie etwas wirken, das nachträglich hinzugefügt wurde. Umgekehrt muss ein luxuriöses Stadthotel keineswegs automatisch nach Oud, Leder oder schweren Hölzern riechen. Vielleicht entspricht eine klare und reduzierte Duftkomposition seiner Architektur und Haltung viel besser.
Deshalb versuchen wir bei der Auswahl eines Hotelduftes nicht, eine Branche oder einen Hoteltyp einfach mit einer bestimmten Duftfamilie zu verbinden. Ein Wellnesshotel braucht nicht automatisch Lavendel, ein Berghotel muss nicht nach Zirbe riechen und Luxus riecht nicht zwangsläufig schwer. Viel interessanter ist es, sich den Ort anzusehen. Welche Materialien begegnen dem Gast? Ist die Architektur reduziert oder opulent? Welche Geschichte hat das Haus? Welche Landschaft liegt vor der Tür und welches Gefühl möchte das Hotel vermitteln?
Aus diesen Beobachtungen lässt sich eine Duftwelt entwickeln, die zum Charakter des Hauses passt, ohne ihn offensichtlich nachzuahmen. Gerade bei einem individuellen Signature Duft kann so etwas entstehen, das sich vielleicht gar nicht einfach mit „frisch“, „holzig“ oder „blumig“ beschreiben lässt, aber erstaunlich selbstverständlich zum Ort gehört.
Dabei entscheidet nicht nur die Duftkomposition. Auch die Intensität und die technische Umsetzung beeinflussen das Ergebnis. Raumvolumen, Luftbewegung und eine vorhandene Lüftungsanlage verändern, wie sich ein Duft verteilt und wie er beim Betreten eines Raumes wahrgenommen wird. Ein Duftstreifen kann deshalb zeigen, ob uns eine Komposition gefällt. Wie sie in einer Hotellobby tatsächlich wirkt, zeigt erst der Raum.
Vielleicht ist das am Ende sogar ein gutes Kriterium für einen gelungenen Hotelduft. Der Gast muss nicht beim Eintreten denken: „Hier riecht es aber gut.“ Viel schöner ist es, wenn sich der Duft mit Materialien, Licht, Architektur und Atmosphäre so selbstverständlich verbindet, dass man das Gefühl bekommt: Genau so müsste es hier eigentlich riechen.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen