Was riecht ein Gast, das der Betreiber längst nicht mehr riecht

Wer jeden Tag dasselbe Hotel, Geschäft oder Büro betritt, kennt nicht nur die Menschen und die Räume, sondern auch deren Geruch. Irgendwann fällt dieser kaum noch auf. Für einen Gast, der zum ersten Mal durch die Tür kommt, sieht die Sache allerdings ganz anders aus. Er nimmt innerhalb weniger Sekunden einen Raum wahr, den der Betreiber seit Jahren kennt – und dazu gehört auch sein Geruch. Das kann der Duft von Holz, Kaffee oder frischer Wäsche sein. Es können aber genauso Küchengerüche, Reinigungsmittel, Textilien, Feuchtigkeit oder andere typische Eigengerüche eines Gebäudes sein. Vieles davon ist für Menschen, die sich täglich dort aufhalten, längst selbstverständlich geworden. Genau deshalb lohnt es sich, einen Raum gelegentlich wieder aus der Perspektive eines neuen Gastes zu betrachten.

Warum wir den Geruch unserer eigenen Räume irgendwann kaum noch wahrnehmen

Dass uns ein gleichbleibender Geruch mit der Zeit weniger auffällt, ist ein ganz normaler Vorgang unserer Wahrnehmung. In diesem Zusammenhang spricht man von olfaktorischer Adaptation. Unser Geruchssystem reagiert besonders aufmerksam auf neue und veränderte Reize. Bleibt ein Geruch längere Zeit bestehen, tritt er zunehmend in den Hintergrund.

Das kennen wir alle aus dem Alltag. Beim Betreten eines Raumes nehmen wir einen Geruch vielleicht sofort wahr, nach einiger Zeit denken wir kaum noch darüber nach. Verlassen wir den Raum für längere Zeit und kommen wieder zurück, kann derselbe Geruch plötzlich wieder deutlich auffallen.

Für Hotels, Gastronomie, Geschäfte, Büros, Fitnessstudios oder andere gewerblich genutzte Räume ist dieser Effekt besonders interessant. Mitarbeiter und Betreiber verbringen dort viele Stunden. Ein Kunde oder Gast erlebt dagegen genau jene ersten Sekunden, in denen Gerüche besonders neu sind. Deshalb kann die Einschätzung „Bei uns riecht eigentlich nichts“ durchaus stimmen – allerdings nur aus der eigenen Perspektive.

Jeder Raum riecht bereits, bevor wir einen Duft hinzufügen

Wenn über Raumduft gesprochen wird, denken viele zuerst darüber nach, welcher Duft eingesetzt werden könnte. In unserer täglichen Arbeit ist für uns eine andere Frage mindestens genauso wichtig: Wie riecht der Raum eigentlich jetzt?

Denn praktisch jeder Raum besitzt bereits eine eigene Geruchskulisse. Materialien wie Holz, Teppich, Leder oder Kunststoffe tragen dazu ebenso bei wie Möbel, Reinigungsmittel, Lebensmittel, Menschen und technische Anlagen. In einem Hotel kommen beispielsweise Frühstücksbereich, Küche, Wäsche, Badezimmer und unterschiedliche Zimmer hinzu. Ein Fitnessstudio hat wiederum völlig andere Voraussetzungen als eine Arztpraxis oder ein Modegeschäft.

Auch Luftbewegungen spielen dabei eine große Rolle. Eine Lüftungsanlage kann Gerüche aus einem Bereich in einen anderen transportieren. Offene Türen, Stiegenhäuser oder große zusammenhängende Flächen verändern ebenfalls, wie sich Gerüche im Gebäude verteilen.

Bevor ein professionelles Duftkonzept geplant wird, lohnt es sich deshalb, den bestehenden Raumgeruch genauso ernst zu nehmen wie Architektur, Licht und Einrichtung.

Einen störenden Geruch einfach zu überdecken, funktioniert selten gut

Ein häufiger Irrtum bei Raumbeduftung ist die Vorstellung, ein angenehmer Duft könne einen unangenehmen Geruch automatisch verschwinden lassen. In der Praxis entsteht dadurch häufig nur eine Mischung aus beiden Gerüchen.

Wenn beispielsweise ein Sanitärbereich, eine Küche oder ein anderer Gebäudebereich einen störenden Eigengeruch verursacht, sollte zuerst geklärt werden, woher dieser kommt. Manche Ursachen können direkt beseitigt werden, andere lassen sich im täglichen Betrieb nicht vollständig vermeiden. In solchen Fällen kann eine gezielte Geruchsneutralisation sinnvoll sein.

Erst danach stellt sich die Frage, ob zusätzlich eine bestimmte Duftatmosphäre gewünscht ist.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Geruchsneutralisation und Duftmarketing unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Bei der Neutralisation geht es darum, unerwünschte Gerüche zu reduzieren oder zu beseitigen. Beim Duftmarketing geht es darum, eine Umgebung bewusst olfaktorisch zu gestalten und damit die Wahrnehmung eines Raumes oder einer Marke zu unterstützen.

Wer beides miteinander verwechselt, erhöht häufig einfach die Duftintensität. Genau das ist selten die beste Lösung.

Auch an einen guten Raumduft gewöhnt sich die Nase

Olfaktorische Adaptation betrifft natürlich nicht nur unerwünschte Gerüche. Auch einen bewusst eingesetzten Raumduft nehmen Menschen, die sich täglich in einem Gebäude aufhalten, nach einiger Zeit weniger deutlich wahr.

Das ist in der Praxis wichtig. Mitarbeiter können beispielsweise nach einigen Wochen das Gefühl bekommen, die Beduftung sei schwächer geworden. Wird daraufhin die Intensität immer weiter erhöht, kann ein neuer Gast beim Betreten des Raumes einen völlig anderen Eindruck bekommen.

Eine professionelle Raumbeduftung sollte deshalb nicht danach eingestellt werden, ob jemand, der seit mehreren Stunden im Raum arbeitet, den Duft noch deutlich wahrnimmt. Entscheidend ist die Gesamtwirkung.

Dabei spielen Raumgröße und Raumvolumen ebenso eine Rolle wie Luftbewegung, Lüftung, Aufenthaltsdauer, Personenfrequenz und natürlich die jeweilige Duftkomposition. Ein kleiner Empfangsbereich benötigt eine andere Dosierung als eine große Hotellobby, und eine Beduftung über eine Lüftungsanlage muss anders geplant werden als der Einsatz eines einzelnen Duftgerätes.

Gerade bei einer dauerhaft eingesetzten Beduftung ist Zurückhaltung häufig entscheidend. Ein Duft muss nicht permanent bewusst wahrgenommen werden, um zur Atmosphäre eines Raumes beizutragen.

Der Geruch muss zum Raum passen

Neben der Intensität gibt es noch einen zweiten wichtigen Faktor: die Übereinstimmung zwischen Duft und Umgebung.

Menschen erleben einen Raum immer als Zusammenspiel verschiedener Sinneseindrücke. Wir sehen Materialien und Farben, hören die Akustik, spüren Temperatur und nehmen gleichzeitig Gerüche wahr. Wenn diese Eindrücke zusammenpassen, entsteht ein stimmiges Gesamtbild.

Ein hochwertig gestaltetes Hotel kann beispielsweise optisch bis ins kleinste Detail durchdacht sein. Wenn im Eingangsbereich gleichzeitig deutlich Küchengeruch wahrnehmbar ist, entsteht ein Widerspruch, den ein Gast vielleicht gar nicht bewusst benennen kann. Trotzdem beeinflusst er die Wahrnehmung des Raumes.

Umgekehrt macht ein besonders luxuriöser Duft einen Raum nicht automatisch hochwertiger. Passt die Duftkomposition nicht zur Architektur, zur Marke oder zur Nutzung, wirkt sie schnell aufgesetzt.

In der multisensorischen Wahrnehmung spielt diese sogenannte Kongruenz eine wichtige Rolle. Für die Praxis lässt sich das sehr einfach übersetzen: Ein Duft sollte sich so selbstverständlich in einen Raum einfügen wie Licht, Materialien oder Musik.

Warum wir Räume gerne selbst erleben

Natürlich lässt sich eine professionelle Raumbeduftung technisch planen. Quadratmeter, Kubikmeter, Luftleistung und andere Daten helfen dabei, die passende Lösung zu bestimmen. Trotzdem erzählen Zahlen allein nicht die ganze Geschichte eines Raumes.

Bei einem Termin vor Ort merkt man beispielsweise, woher Gäste tatsächlich kommen, wie sich die Luft bewegt, welche Türen häufig geöffnet werden und in welchen Bereichen Menschen länger bleiben. Man riecht vorhandene Eigengerüche und sieht Materialien, die auf einem Grundriss keine Rolle spielen würden. Manchmal stellt sich dabei sogar heraus, dass eine geplante Beduftung gar nicht der erste notwendige Schritt ist.

Diese Beobachtungen gehören für uns genauso zur professionellen Duftplanung wie die Auswahl des Duftes und die passende Technik. Denn ein hochwertiger Duft kann seine Wirkung nicht entfalten, wenn er falsch positioniert oder zu intensiv eingesetzt wird. Ebenso wenig kann ein Duftgerät ein Geruchsproblem lösen, dessen Ursache eigentlich an einer anderen Stelle liegt.

Ein einfacher Perspektivwechsel

Wer wissen möchte, wie Kunden oder Gäste die eigenen Räume erleben, kann etwas sehr Einfaches ausprobieren. Verlassen Sie das Gebäude für einige Zeit und kommen Sie später bewusst durch denselben Eingang zurück, den auch Ihre Besucher benutzen.

Achten Sie dabei einmal nicht zuerst auf Ordnung, Einrichtung oder Beleuchtung, sondern auf den Geruch. Was nehmen Sie in den ersten Sekunden wahr? Verändert sich dieser Eindruck, wenn Sie sich durch das Gebäude bewegen? Gibt es Bereiche, die anders riechen als erwartet?

Noch aufschlussreicher kann die Meinung eines Menschen sein, der den Raum nicht kennt. Dabei sollte man möglichst nicht fragen, ob es „gut“ oder „schlecht“ riecht. Diese Frage gibt bereits eine Richtung vor.

Die interessantere Frage lautet schlicht: „Was riechst du, wenn du hereinkommst?“

Die Antwort darauf kann mehr über einen Raum erzählen, als man erwartet. Denn während Betreiber und Mitarbeiter einen vertrauten Geruch längst ausgeblendet haben können, beginnt für einen neuen Gast genau damit sein erster Eindruck.



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